14.07.2009 : Die Affen rasen durch den Wald

Die Zeit draengt, heute haenge ich nur noch 13 Tage auf dem Kontinent der schnauzbaetigen Poncho-Chiller ab, und noch zwei Berichte wollen geschrieben sein. Fuer einen muss ich noch Erlebnisse sammeln (bin grade voll dabei), der andere ist schon erlebt und will jetzt nieder geschrieben sein.

 

Los gings am Dienstag, den 07.07., und zwar in alter Frische morgens um 6. Ein Teil der Leute von der Strasse hatte schon in der Nacht vom 6. im Casa de Paso geschlafen, der Rest ist dann folgerichtig auch mehr oder weniger komplett nicht erschienen. Dafuer dabei: Fernando, genannt Choco (so heisst hier jeder zweite, ist als Spitzname etwa so einfallsreich wie Kalle), mit dem nur mehr oder weniger gerechnet wurde. Warum, erfahren wir spaeter.

Die Gruppe vom Apoyo war vollstaendig, so dass wir (wenn auch leicht verspaetet) bald im rappelvollen Bus zur Cumbre, also zum Startpunkt unserer Wanderung durch die Yungas nach Coroico, aufbrechen konnten. Durch das Verhandlungsgeschick unseres ehrwuerdigen Chefs Papichi (Don Fernando, von einigen beneficiarios mitunter auch "viejo pendejo", also altes Sackhaar genannt) durften wir dann mit dem Bus noch etwas weiter, zum eigentlich hoechsten Punkt des Weges (den wir dann ja nicht mehr erlatschen mussten). Ueber 70 km war unsere Wanderung wahrscheinlich tortzdem lang (nimmt man mal die Death-Road als Laengenmassstab).

 

Anpfiff war dann nach kurzer Versammlung an der Spitze der Strecke. Zuerst wurde gemeinsam gebetet, danach machten die Bolivianer mal wieder deutlich, dass doch ein gewisses bisschen gesunder Aberglaube (der komischerweise mit dem christlichen Glaube blendendoniert) in ihnen steckt: Vor dem Start wurde der "challa" (so oder so aehnlich, wer weiss schon wie man aymará-woerter schreibt) genuege getan, d.h. der Pachamama etwas Alkohol geopfert. Auch waehrend der Wanderung fiel immer mal wieder auf, das Bolivianer doch viel mehr Glauben, alsich es tun wuerde. Die Existenz von Steincholitas, die Betrunkene in Achachicala den Tod verfuehren gitl fuer manche (natuerlich gibts auch andere) als ebenso sicher, wiedie grosse bedeutung von Traeumen. Eine der muetter aus unserem Projekt hatte aus diesem grund auch spontan nicht an der Wanderung teilgenommen. Sie hatte von Hunden getraeumt, was - wie wir alle nur zu gut wissen - Unglueck mit recht hoher Sicherheit vorraus zu sagen weiss.

 

Nun aber wirklich los: Und zwar hart, zuerst gings mal (wie ueberhaupt den Grossteil der Zeit) ziemlich bergab, noch durch Altiplano-Landschaften. Nach etwa 15 Minuten hatten wir schon unseren ersten Verlust zu beklagen: Bereits beschriebener Choco musste dem (anscheinend lebenslangen) Alkoholgenusstribut zollen, und sich wieder nach oben begeben. Besser fuer ihn, seine Hose wollte auch nicht so recht sitzen, so dass seine Kniekehlen durch den Hosenbund etwas in ihrer Beweglichkeit eingeschraenkt waren... Schlechter fuer grover, er hatte ih zu begleiten und musste uns dann den halben Tag lang hinter her rennen.

Womit er uns noch schnell erreich hatte: "uns" war naemlich das Ende des lang-gestreckten Zuges, der sich langsam dem Rand der Yungas annaeherte. "Wir" bestanden zwischenzeitlich aus vier "Educadoren" (Nelson, Joaquin, Charlotte und mir) die eben so viele aber deutlich lauffaulere benficiarios zu motivieren zu versuchten. Wie auch in den folgenden tagen wusste da besonders milenka hervorzustechen. Ohne irgendwas zu tragen (sie hatte dank ihrer koerperlichen Reize (?!) all ihr Gepaeck auf das maennliche geschlecht verteilt) war sie mit Abstand die langsamste und mauligste.

Das zog sich dann auch noch den agnze tag hin, den wir mit kuerzen Sandwich- oder Bier-Pausen (Papichi lud ein) "on the road" verbrachten. Spaetestens am Schlus - immer noch hinten, jetzt so langsam allein mit Charlotte veruschend, Milenka zu motivieren -  kam dann auch der gedanke auf, das Ganze waere vielleicht ein uebertrieben anstrengender und spassfreier Scheiss. Wars aber nicht.

 

Das hat sich zuerst nachts beim Kochen, Zusammensein und gemeinsamen Schlafen unter zwei Zeltplanen auf dem Boden inziwhscne schon in den Yungas ausgestellt. So langs noch hell war, war schon zu erkennen wie fantastisch die bergaussicht wirklich ist, und im Dunkel wurdes dann wieder mal abenteuerlich. Klar mag es uebertrieben sein, schon auf dem Weg zum Behelfsklo in irgendwelchem Bananengestruepp die Indiana Jones melodie zu pfeifen, aber das Gefuehl dabei ist einfach zu cool ums sein zu lassen!

Noch schoener wurde es dann am naechsten Tag, obwohl es sich streckenmaessig um den mit Abstand anspruchsvollsten handelte. Aber die Strecke und die zugehoerige Aussicht war die Anstrenung sicher wert. Stunden- und kilometerlang ging es ueber bewachsende Bergpfade an den Yunga-taelern entlang, waehrend die Sonne sich langsam ueber die Waelder bewegte. Dabei wurde noch gefueht alle zwei Meter ein Bergbach ueberquert, und beim Ueberholen und Ueberhohltwerden immer gern der ein oder andere Bloedsinn mit den Mitstreitern ausgetauscht.

Wobeis an diesem Tag mehr ums Ueberholen ging. Mit dem Entschluss, Milenka mal auf sich selber klar zu kommen lassen und mit nelson davon zu ziehen sowie der veranederten Geapeckstellung auf dem ruecken ging das laufen kaum hunderttausendmalleichter, so dass wir auf der ersten Streckenhaelfte tatsaechlich wie die Irren durch de Dschungel gestuermt und dann auch mit als erste an unserem Rastplatz, einem etwas breitern Flussstueck, ankamen.

Auch da wurde wieder klar, warum sich die Wanderung lohnt. Zuerst mal der Fluss, die Aussicht, die Sonne... Hier koennte man auch ne Erdinger-Exotik (oder so :D) Werbung drehen. Und dann auch das Zusammensein (neu-bolivianisch "Compartieren" mit den Leuten. Es wurde gekocht, Feuerholz gesammelt, gebloedelt ausgeruht und natuerlich auch im arschkalten Fluss gebadet - ratet wer da voll dabei war...

 

Die Erfrischung war aber auch noetig, das zweite Streckenstueck hatte es in sich. Zuerst nach leichtem Abstieg die sogenannte "Cuesta del Diablo" (da ich zu faul bin cuesta zu suchen uebersetze ich mal mit "Teufelsweg" und danach eine aehnlich lange, aehnlich anstrengende Steigung. Wiedermal wird dieses Wegstueck der baukunst des allgegenwaertigen Incas zugerechnet, wiedermal frage ich mich: Wo hat sich der Inca diesen Schaden zugezogen? Oder hatte der wirklich 1,20 Meter lange Waden aus Stahl?

Trotz allem sind wir alle - mehr oder weniger frueh. ich diesmal sogar unter den Ersten - beim "Chino" (eine Japaner...) angekommen, wo wiederrum gekocht, gefeuerholzt und compartiert urde, was das Zeug hielt - und auch die legendaere Aussage ueber das alte Sackhaar von Seiten des Familienvaters und professionellen Grossmauls Andrés Ovando fiel. Das Papichi zwar daneben sass, ausser mit einem Schmunzeln aber gar nicht reagiert hat zeigt die gute Stimmung in der gruppe. Papichi hatte sich die sanfte kritik aber auch hart erarbeitet. Ueber fast die gesamte Wanderung hinweg trug er konstant nichts, sonder verteilte sein Gepaeck hauptsaechlich auf Kleinkinder, was er mit seinen Kochpflichten und seinem gehobenen Alter ("Ich bin 70 bis 80 jahre alt!" -  realistische Gutachten sprechen von 55 jahren) erklaerte.

Nachdem anchts i Educadoenbereich sogar noch einige winzige Scklöcklein Trago (es handelte sich um puren Alkohol mit Yupi, also Brausewasser) compartiert wurden, wurde es nacts noch anderweitig feuchtfroehlich - Regen! Gut, dass wir unser Planenzelt am hang aufgeschlagen hatten. Schnell zog ein jeder seines Weges. Cecy und nelson zogen zu den benficiarios unter ein Blechdach, Charlotte und ich auf einen (unmenschlich ahrten und unregelmaessigen) Steinboden unter einem Tisch und Joaquin und Grover auf selbigen (Tisch, nicht Boden). Dementsprechend ausgeruht waren wir am naechsten Morgen.

 

Gut, dass es nur nach Chairu, etwa 2,5 Stunden entfernt und wieder unten am Fluss ging. Das Ganze war ein recht simpler Abstieg der uns zu einem reichhaltigen (wenn auch preismaessig hart umkaepften)  Reis-Ei-und-Suppe-Mahl fuehrte und uns ausserdem die ersten Zitrusfruchtdiebstaehle ermoeglichte. Nachdem Papichi uns zu (angeblicherweise seinem, ich weiss bis jetzt nicht obs stimmt) Orangenhain losgeschickt hatte, wurde ich auch recht schnell erwischt. Der grosse, baertige Mann mit Schrotflinte und Hund aus meinen Alptraeumen war dann doch nur 1, 50 gross, weiblich und beschraenkte sich auf ein desinteressiertes geh weg - trozt allem, welch ein Abenteuer!

Den Schock musste ich dann erstmal wieder beim baden im Fluss los werden. Immer noch kalt, diesmal aber mit reichhaltigeren Moeglichkeiten: Rumklettern auf Steinen (Wer bricht sich fast den Fuss? Hallo-o, Mc-Fly?!), Treiben lassen von der Stroemung und darauffolgendes Angeben mit Gegen-die-Stroemung-anschimmen (erwaehnter Mc-Fly konnte eh mit seinen Kuensten glaenzen, da in Bolivien das Ertrinken deutlich weiter verbreitet ist als das Kraulen) und entspannendem rumhaengen in natuerlichen Wellness-Stromschnellen!

 

Abends dann das letzte Mal schlafenohne Dach, diesmal einfach mal in einem Hasueingang, zusammen mit José-Luis (einem grandiosen Schnarcher, der einfach die Augen zumacht und steilgeht) und der allgegewaertige Angst, dass die Hausbesitzende Cholita naechtlich zurueckgekehrt und mit grossen Ayayayay-Getoese ueber uns herfaellt. Die Angst waen wir jedoch schnell los, einmal weil sich abzeichente, dass in die richtung nichts passieren wuerde (auch wenn ich immer wieder nachts erschreckt aufwachte), andererseits, weil uns eine zumindest Essloeffel grosse Spinne in ihren Bann zog. Hauptsaechlich deswegen, weil sie sich Mordattentaten mit gewagten Hopsern entzog, und dann tot statt wie geplant aus dem "Fenster" zu fliegen lieber in meinen Schlafsack prallte und abermals fuer Aufruhr sorgte.

 

Wie dem auch sei, am aechsten Tag dann die letzte Etappe: Nach dem Ehrgeiz der letzten Tage gingen wir (diesmal Nelso, Joaquin und ich) es ruhiger an. Einige waren schon mit dem Bus gefahren, die Strecke sollte nicht weit sein und wir beschaeftigten uns mit Waschweiber tratsch, sodass wir (aufgehalten auch von wildem Kaffee und Kolibirs) recht spaet an der finalen Steigung anlangten, die des Inkas Wahnsinn an Steilheit und Unbeggehbarkeit noch bei Weitem uebertraf. Aber Hoffnung hatten wir nelson ahhte uns in bunten Farben praechtige Fruchthaine geschildert, wo einem die mandarinen schier in den Mund floegen.

 

Wir gingen alkso geduldig bergan an, die letzten Getraneksreste wurden leichtsinnig hinuntergekippt, denn es warteten ja Mandarinen. 

Diese wussten sich jedoch gut zu verstrecken, die erste Stunde Anstieg war naemlich ein 1A-Beispiel fuer kleien aber feine Brandrodung, so dass wir naeher Bekanntschaft mit Der nicht ganz un-heissen Sonne der yungas schliessen konnten. 

Grade als Joaquin und ich bereit gewesen waeren, Nelson und grosses Federlesen zu lynchen, kamen die die ersten Schimmer orange ins Blickfeld, und wenige Kurven weiter war dann alles voll mit Fruechten, so wie einiges Rumgekletter und den ein oder anderen Kratzer spaeter auch Nelsons Rucksack und unsere Baeuche. So gestaerkt ging dann der restliche Aufstieg nach Coroico, dem ersten der Aussteiger und Touristendoerfer Suedamerikas relativ simpel.

 

Oben erwartete uns ein ausgesprochen frischer und entspannter Grover, der, nachdem er Cecilia mit den Worten "Ich komme gleich nach, gib mir Geld damit ich Empanadas fuer uns kaufen kann!" und einigen kleinen jungs und Maedels (John Cena war nicht unter ihnen, der wandelnde Meter der sich aufgrund des gleichen Vornamens gerne wie der bekannte Wrestler rufen laesst war schon mit Andres aufgestiegen) vorraus in den Berg geschickt hatte, flugs in einen minibus gen Spitze gestiegen war.

 

Trotz unsere Wut auf ihn verbrachten wir noch nette zwei tage in Coroico mit zweimaligem Siff-Schwimbad-Besuch, Essen in der Coroicoer Backstube (lieber deutsch statt "Frikasse" - Schwein komplett mit haaren in Schlonz) und den diversen Spielarten des Compartierens (Bier, Api, refresco, Eis...).

Grade in diesen letzten tage ist mir wie auch bei den beiden Abschiedsessen der Voluntaere bei uns und bei Papichi klar geworden, wie sehr ich Bolivien, die Leute hier und das leben in la Paz vermissen werde. An einen Rueckflug in nur noch 13 Tagen zu denken, ist zwar nicht direkt unangenhem aber mit Sicherheit hochkompliziert.

 

Trotz allem geh ich jetzt mal weiter Abenteuer in einer 24.000 Einwohner-"Stadt" in der Naehe Paraquays erleben. Mehr erzaehl ich euch nach der naechsten Maus!

 

Euer John Cena!

14.7.09 19:40

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